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How to Survive Esperanza Verde – Überlebensregeln für den Regenwald

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Viele Tage sind vergangen seit meinem letzten Blogpost. So etwas passiert wohl, wenn man im Urwald verloren geht. Verloren nicht in dem Sinne, dass man sich verlaufen hat und nun ums Überleben kämpft (auch wenn ich schon das eine oder andere Mal orientierungslos durch die Gegend geirrt bin), sondern die Zeit ist schlechtweg verloren gegangen. Vielleicht könnte man auch eher sagen, dass ich etwas mich nicht gemeldet habe, weil ich etwas wunderschönes hier gefunden habe. Nämlich das Leben an einem Ort wie diesem.

Wenn ich in einem Wort beschreiben müsste, was das Dasein bei Esperanza Verde auszeichnet – und was es so einzigartig anders als das Leben in Deutschland macht, so wäre es wohl das folgende: Leise. Dabei bin ich ständig von Geräuschen umgeben. Und ich rede nicht nur von dem plötzlichen Geschrei der Affen, wenn mal wieder um Essen oder sonstiges gestritten wird, sondern auch von dem ständigen rascheln der Blätter, dem Trommeln des Regens auf das Dach, dem Zirpen und Singen jeglicher Vögel und Insekten und dem Laut, der sich wie ein Wassertropfen anhört aber von einem Frosch stammt. All das erfüllt ständig Tag und Nacht. Der Regenwald ist also alles andere als leise. Das Leben hier schon. Zeit verhält sich hier anders als „in der Zivilisation“. Wir haben zwar Uhren und unser Tagesablauf ist nach der Zeit ausgelegt. Von halb acht bis zwölf und von eins bis halb fünf haben wir ständig etwas zu tun. Häufig auch danach, wenn man noch kochen oder seien Wäsche waschen muss. Dennoch ist man hier nie wirklich im Stress. Es wird geputzt und Obst und Gemüse geschnippelt und dann gefüttert. Wenn man mit seiner Tour fertig ist wird im Zweifel wieder geputzt. Ob du schnell oder langsam bist, macht kaum einen Unterschied. Nur ob du anschließend mehr oder weniger Zeit für Extra Aufgaben hast. Es gibt also keinen Stress. Kaum etwas, dass du besonders gut machen kannst (schon Dinge, die du verbacken kannst). Aber nicht wirklich Stress. Nicht wirklich den Anspruch viel zu denken. Es wird auf einmal leise in deinem Kopf und du hast auf einmal den Raum ihn mit anderen Dingen zu füllen. Bücher zu lesen, neue Sprachen zu lernen und viel Mist zu veranstalten.

Dennoch gibt es hier ein paar einfache Regeln, die man befolgen sollte (ich habe die meisten schon gebrochen), damit es auch ein langes und glückliches Leben im Urwald wird. Damit es einem wie Alba geht, die an ihrem letzten Tag mit Tränen in den Augen erklärte, dass jeder einzelne Tag, den sie hier erleben durfte, ein glücklicher war. Egal ob die Kapuzineraffen in die Klinik eingebrochen sind und überall in die sterilen Räume geschissen haben, man nass bis auf die Knochen ist, oder die Nudeln nach Limpia Todo schmecken, weil sie im Kampf gegen die Kakerlaken vorsichtshalber von außen mit Desinfektionsmittel gereinigt wurden. Das wäre vielleicht auch schon eine erste gute Regel beziehungsweise ein Ratschlag, was man nicht machen sollte. Hier kommen also alle weiteren.

1. Lass dir niemals von anderen Volunteers ihre Sprache beibringen, ohne das neu gelernte anschließend zu überprüfen.

Irgendwann nachdem ich meinen Test geschrieben habe, um möglicherweise in Den Hague zu studieren, würde ich wohl etwas übermütig. Umgeben von all den holländischen Volunteers, die es hier gab, wollte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und schon einmal die ersten Vokabeln auf Holländisch lernen. Ein bisschen etwas für die Zukunft tuen und so. Also fragte ich sie wie man denn einen guten Morgen wünscht und fragt wie es einem geht. Man antwortete mit „Hey lekkerding, lekker kontje!“ wäre die höflichste Form, das zu sagen. Es hörte sich zwar etwas merkwürdig für mich an, aber alles, was sie von sich gaben, tat es. Deshalb sagte ich es prompt am nächsten Tag, als Karole, eine der älteren Volunteers, zum Frühstück kam, die nicht so gut Englisch spricht. Ich wollte ihr eine Freude machen, in dem ich auf Holländisch mit ihr sprach. Stattdessen sah sie mich aber ganz entgeistert and. Ich dachte, dass ich es vielleicht falsch betont hatte. Wiederholte es also. Bis sie mir erklärte, dass ich gerade so etwas wie „Hey sexy, nice ass!“ zu ihr gesagt hatte und ihr nicht etwa einen guten Morgen gewünscht und nach ihrem Befinden gefragt hatte. So viel zu meinem Holländisch Kenntnissen.

2. Spiele niemals Jenga gegen Alba (außer du magst es Unterwäsche anderer Leute zu waschen).

Ein eigentlich harmloses Spiel ist hier alles andere als ungefährlich. Jenga spielen kann man bei Esperanza Verde nämlich nicht ohne Wetteinsatz. Und gewinnen gegen Alba ist so gut wie unmöglich (wenn sie mit Mitchell spielt, schaffen sie 29 Stockwerke). Nun ich war zwar nicht so übermütig und habe darum gewettet nackt zum Wasserfall zu laufen wie Inès und ich musste mir auch nicht wie Craig den Rücken waxen lassen, doch wenn mir jemand sagt, dass etwas unmöglich ist, dann möchte ich es nun mal erst recht. Jeden Abend habe ich also Jenga gegen sie gespielt. Und jeden Abend habe ich verloren. Ihre Wäsche habe ich gewaschen, Frühstück ans Bett um halb sieben habe ich zubereitet und massieren musste ich sie auch. Doch wie bereits gesagt, gegen sie zu gewinnen ist so gut wie unmöglich. An ihrem letzten Abend schließlich – aus purer Verzweiflung – griff ich auf die Hilfe eines alten Freundes zurück. Mit einer halben Flasche Rum intus ihrerseits, ist mir dann doch das unmögliche geglückt. Ich habe sie geschlagen. Auch wenn ich sagen muss, dass sie noch erstaunlich gut war für ihren Zustand.

3. Wenn du Einer wäschst und Kres zu nahe kommt, hole die Wasserpistole mit Chilli-Wasser-Ladung aus der Bodega und ziele auf ihre Augen.

Was sich etwas merkwürdig in einem Projekt anhört, das Affen rettet, ist tatsächlich nur zum besten des Kapuzineräffchens Kres gemeint. Die junge Affendame hat nämlich ein Problem. Von Menschen aufgezogen ist sie viel zu zahm und hat keine Angst vor Menschen. Deshalb sucht sie eher unsere Nähe anstatt sich bei der Gruppe halbwilder Affen zu integrieren. Häufig folgt sie einem den gesamten Tag (vor allem mir), beobachtet wie man Wäsche wäscht und versucht regelmäßig ins Haus einzubrechen. Einmal ist ihr das sogar gelungen und sie hat eine Bürste und einen Lappen geklaut, um genau das zu machen, was sie bei uns immer beobachtet. Wände hat sie geputzt und anschließend versucht den Lappen zu waschen wie wir es mit den Monkey Clothes per Hand tun. So lustig uns süß das klingt, das ist es leider nicht. Tatsächlich ist es sogar ziemlich gefährlich, wenn sie keine Angst vor uns hat und zu nahe kommt, weil sie bereits einen Volunteer gebissen hat. Deshalb erklärte man uns wir sollten einen Eimer Wasser über sie kippen, damit sie sich erschrickt und langsam akzeptiert, dass sie eben ein Affe und kein Mensch ist. Damit sie vielleicht irgendwann die Chance auf ein Leben in der Wildnis hat. Gesagt getan. Immer wenn sie sich näherte, wenn ich Eimer draußen wusch, tat ich genau das. Mit Erfolg. Für ein paar Tage, hatte sie tatsächlich Angst vor mir und blieb in einer sicheren Entfernung. Bis Kres feststellte, dass einem heißen und schwülen Tag so ein Eimer kaltes Wasser ganz angenehm sein kann. Und so kam der Tag, an dem ich eine regelrechte Wasserschlacht mit ihr und Johannes hatte. Wir waren zwei gegen einen und dennoch blieb sie nicht fern. Das einzige was wir erreichten war eine geflutete Bodega und dass wir alle nass bis auf die Knochen waren. Seitdem gibt es also die Wasserpistole mit Chilli. Das brennt in ihren Augen ohne sie ernsthaft zu verletzen. Und da sie mich immer noch verfolgt (es wird mittlerweile vermutet, dass sie vielleicht mit mir flirten könnte), laufe ich nun ständig mit einer orangenen Wasserpistole durch die Gegend. Zwar ist sie mittlerweile unterwürfig und flieht, wenn ich auf sie zugehe, aber so ganz ist das Problem leider immer noch nicht behoben.

4. Gehe niemals alleine zum Mirador, wenn du den Weg nicht kennst.

Ich sagte ja bereits, dass ich mich schon so einige Male verlaufen habe. Dieses Mal tatsächlich nicht. Johannes und ich wollten den wunderschönen Tag nutzen und uns den Sonnenuntergang auf dem Aussichtspunkt am Fluss anschauen. Nur leider waren alle, die den Weg durch den Fluss und dann eine halbe Stunde bergauf durch den Wald kannten, zu erschöpft nach der Arbeit, um mit uns zu gehen. Alle außer Yara dem Hund. Und so stapften wir mit einer Taschenlampe (für den Fall der Fälle) einfach los. Es war vielleicht nicht die klügste Entscheidung, doch manchmal muss man auch einfach mal auf sein Glück vertrauen. Und diesem Ausblick zu urteilen ist Yara nicht nur ein ausgezeichneter Reiseführer, sondern das Risiko hat sich einfach gelohnt.

5. Man kann aus allem Kuchen backen. Geht nicht, gibt es nicht.

Kuchen hat hier einen anderen Namen. Unsere Spanierin Alba hat nämlich so ihre Schwierigkeiten mit der Aussprache mancher Wörter. Und so wurde aus cake eben ein neuer Name, der in etwa so gesprochen wird: Käckeee. Wie man es auch nennt, alle wollen ihn. Und manchmal ist es ein wenig kompliziert mit den Zutaten die wir zur Verfügung haben. Not macht erfinderisch. Und so wird manchmal eben Rote Beete in den Kuchen gemischt oder Maracuja ersetzt beides: Zucker und Ei. Doch all diese Kuchen werden immer noch mit Mehl gebacken. Ein Problem, das ich erst kürzlich überwinden konnte, damit ich auch endlich Kuchen essen konnte. Und er war köstlich. Wir haben nämlich Brownies mit Bohnen und Haferflocken anstatt Mehl, Mango und Banane anstatt Zucker und leider mit Trinkschokolade zum Auflösen und Kakao anstatt richtiger Schokolade gebacken. Das nächste Mal möchte ich einen Kuchen mit Süßkartoffel backen. Nächste Woche. Diese Woche haben wir den Ofen schon drei mal benutzt und wir dürfen nicht so viel Gas verbrauchen. Aber dann stellt sich niemand mehr zwischen mich und meinen Käckeee.

6. Kakerlaken sind keine Tiere. Die darf und muss man töten, auch als Vegetarier oder Veganer oder sonst etwas.

Ich gebe zu auch mir viel es an Anfang schwer mit unseren Nachbarn beziehungsweise Untermietern umzugehen. Ich wollte sie loswerden, dich wollte ich sie nicht töten. Doch eines Abends konnten Fieke und ich wegen einer 7 cm langen Kakerlake in unserem Zimmer einfach nicht schlafen. Sie versuchte sie mit ihrem Flipflop zu zerlegen, doch der erste Schlag reichte nicht. Loslassen um erneut zuzuhauen war auch nicht möglich, weil die Kakerlake dann entwischt wäre. Also musste ich eben dich ran. Und so kam es, dass ich mit einem Stein bewaffnet, meine erste Kakerlake tötete. Mit mehreren festen Schlägen trennte ich den Kopf ab und um sicherzugehen schlugen wir noch ein paar mal mit dem Flipflop zu bevor wir sie im Klo runterspülten. Seitdem bin ich ein anderer Mensch :) Man gebe mir die Wunderwaffe Flipflop oder auch wahlweise ein Buch oder ein Pfannenwender (wenn sie auf der Küchenzeile krabbelt) und ich erledige sie alle. Ob ich deshalb ein schlechtes Gewissen habe? Tatsächlich kann ich ohne das ständige Gekrabbel deutlich besser schlafen. Mal abgesehen davon, dass ich alle ohnehin nicht erwischen werde, denn vermutlich wären sie die einzigen, die eine atomare Katastrophe überleben würden. Mich werden sie also wohl auch überleben. Besser fühlen und schlafen tut man trotzdem, wenn man die wenigstens nicht krabbeln sieht bevor man seine Augen zu macht. In diesem Sinne: Gute Nacht!

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