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Aller Anfang ist schwer

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Ich möchte nicht lügen und auch nichts verschweigen. Das Leben im Regenwald ist hart. Und es hat definitiv seine Höhen und Tiefen. Manchmal gibt es Tage, an denen ich es kaum erwarten kann endlich wieder in mein Bett zu gelangen (in den Schutz meines Moskitonetzes), um nachzugucken wie viele Tage es noch sind. Wie viele Tage ich noch durchhalten muss. Nur zur Information: Heute sind es noch 39.

Doch heute war keiner dieser Tage. Es hat zwar mal wieder einmal in Strömen geregnet. Und ich wurde auch von einem der Vögel aus der Aviary attackiert. Länger gearbeitet habe ich auch, weil wir etwas länger gebraucht haben in der Bodega mit dem Vorbereiten der zweiten Fütterung. Doch heute war ein guter Tag. Der Grund, warum wir länger gebraucht haben, war nämlich, dass Alba uns ihr gesamtes Liebesleben erläutert hat (auf Spanisch damit nur wir Mädels auch alle Einzelheiten verstehen konnten). Natürlich kann ich hier keine Einzelheiten von mir geben, doch die Geschichten spielten sich weltweit in verschiedenen Ländern ab und waren sehr amüsant.

Doch auch wenn ich deshalb heute den Tränen nahe war und Bauchschmerzen vor lauter Lachen hatte, so gibt es auch manchmal Momente, in denen mir einfach so zum heulen zu Mute ist. In Deutschland mag ja die Regel gelten, dass es Menschen gibt, die eher für Mückenstiche anfällig sind, und jene, die es eben nicht sind. Nun im Amazonas gilt diese Regel definitiv nicht. Teilweise wird man an einem Tag so oft gestochen, dass man nicht einmal die einzelnen Stiche identifizieren kann. Meine Schultern gestern waren einfach komplett rot. Doch wer sich jetzt fragt, warum ich kein Mückenspray benutze, dem sei gesagt, dass es schlichtweg verboten ist. Leider ist das gute Zeug nämlich giftig für die Tiere, mit denen wir arbeiten. Und auch lange Klamotten interessiert die lieben Moskitos herzlich wenig. Da wird einfach durchgestochen. Und so haben wir begonnen (aus purer Verzweiflung) uns morgen von Kopf bis Fuß mit einer dicken Schicht Seife einzuschmieren. Anscheinend soll das helfen. Vielleicht tut es auch ein wenig. Doch anstatt nun die Schultern und Arme zu attackieren wurde dieses Mal dafür einfach mein Gesicht komplett zerstochen. Kurz um: Regenwald und Regenzeit bedeutet wirklich, dass man bei lebendigen Leibe von Moskitos verspeist wird.

Wofür nimmt man das nun in den Kauf? Diesen Grund muss man jeden Tag für sich aufs neue suchen und finden. Einen Grund, für den es sich lohnt durchzuhalten. Heute habe ich zum vierten Mal in Folge die Baby Monkey Tour gemacht. Und das ist Grund genug. Zwar muss man an diesem Tag auch die ganzen alten Monkey Clothes waschen, was bedeutet, dass man per Hand die ganze Kacke der Tiere aus den T-Shirts bürsten darf. Doch dafür gehört es auch zu den Aufgaben vier mal am Tag die Milch zu verteilen. Und das klingt tatsächlich so süß wie es auch ist. Leider habe ich während der Arbeit keine Zeit Fotos zu machen, denn ich würde euch zu gerne ein Bild von Katinkas Milchbart zeigen, nachdem sie gierig ihre Portion ausgeschlürft hat. Doch das ist vielleicht etwas, dass man einfach gesehen haben muss, um es nachvollziehen zu können, wie schön diese Momente sind. Tatsächlich werden die Baby Monkeys nämlich ein Stück weit zu deinen Babys. Du musst dafür sorgen, dass sie im Regen Schutz suchen, ihre Medizin bekommen und zur richtigen Zeit ihr Nickerchen machen. Da kann man auch einmal darüber hinweg sehen, dass sie echt kleine Dreckschweine sind.

Der beste Moment am Tag jedoch ist, wenn Ramon – unser kleinster Howler und unsere Vollzeitprinzessin – schlafen gehen muss. Für die letzten vier Tage musste ich dafür sorgen. Dafür wird er zur Klinik getragen. Und das meine ich auch wortwörtlich. Wenn der Kleine nämlich müde ist, dann klettert er auf die Schulter der Mama des Tages. Er wickelt dann seinen Schwanz um deinen Hals, um sich festzuhalten, und legt ganz sanft seine winzigen Hände auf deinen Kopf. Manchmal schmiegt er sich auch an deinen Hals und schmatzt dir genüsslich ins Ohr. In der Klinik versucht man dann ihn dazu zu bringen sein Gemüse zu essen. Meistens tut man also so als würde man laut schmatzend ein Stück Tomate essen, damit er es dann auch essen will. Das mag er zwar nicht so sehr wie Milch, aber bevor jemand anderes es ist, dann gibt er sich doch lieber damit zufrieden. Danach gilt es dann ihn in seine Schlafbox zu bekommen. Das ist mit etwas größeren Herausforderungen verbunden. Doch einmal am Schwanz gepackt und ein bisschen Schwung geholt, sollte es klappen. Zwar plärrt er für die ersten paar Minuten ein bisschen, doch dann schläft er eigentlich doch immer ganz friedlich ein. Und dann ist der schönste Teil des Tages auch schon wieder vorbei. Leider.

Ob es also Spaß macht ein Volunteer bei Esperanza Verde zu sein. Das lässt sich nicht so einfach sagen. Es ist auf jeden Fall nichts für schwache Nerven. Lisa ist in ihrer ersten Woche mit einer Kakerlake IN IHREM BETT aufgewacht. Und Ines wurde auf der Plantage von einer Bullet Ant gebissen. Dieses Insekt hat ihren Namen nicht ohne Grund. Ihr Biss schmerzt nämlich genauso sehr, wie wenn man angeschossen wird. Die Tage sind lang und die Arbeit ist anstrengend. Man macht sich jeden Tag dreckig und wird auch kaum wirklich sauber. Doch abgesehen davon schläft man jeden Abend zufrieden ein und jede Nacht durch wie ein Baby – außer man hat sich etwas eingefangen und rennt permanent mit Durchfall aufs Klo, was hier wohl jedem mal passieren wird. Dennoch ist es immer ein gutes Gefühl, mit dem ich meine Augen zumache in dem Wissen mein bestes gegeben zu haben, damit jedes Tier hier das bekommt, was es benötigt, um tatsächlich eine zweite Chance auf ein glückliches Leben zu erhalten. Und ja jeder weitere Tag hier macht mich auch ein wenig stolz, weil ich ihn überstanden habe.

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