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Mein wohl schönster Tag in Südafrika

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Stellt euch folgendes vor. Ihr lebt in einer südafrikanischen Kleinstadt, ein gutes Stück entfernt vom Stadtzentrum. Jede Besorgung müsste mit dem Auto getätigt werden, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel oder ähnliches gibt. Da müsstet ihr dann durch und jede Fahrt wäre eine private Fahrt, weshalb ständig Spritgeld and die Foundation gezahlt werden müsste. Wäre da nicht der OK Minimarkt auf der anderen Straßenseite eures Hauses – gerade mal 300 Meter entfernt. Hat man morgens also etwas für das Frühstück vergessen, wird schnell in die Flipflops geschlüpft und zum Laden geschlurft. Groß ist die Auswahl zwar nicht aber Dinge wie Joghurt und ein bisschen Obst findet man auch dort. Und wenn man spontan einen Ausflug machen will, so kann man auch gleich noch ein paar Kichererbsen mitnehmen, um sich zuhause ein Proviant zu machen. Fazit: So ein OK Minimarkt um die Ecke ist schon ziemlich praktisch.

Allerdings noch nichts außergewöhnliches. Wenn man dann allerdings ein paar Meter in die andere Richtung läuft, den Kreisel überquert und an der ersten Kreuzung rechts abbiegt, dann werden die Kichererbsen Teil von etwas, dass man wohl nicht an jedem Örtchen dieser Welt vorfindet. In etwa 500 Meter von der Küste entfernt, in etwa 500 Meter von unserem Haus entfernt, befindet sich das Fernklof Nature Reserve. Ein wahrhaftiges Naturparadies, das von Wanderwegen durchzogen ist, die sich von Berg zu Berg schlängeln. Kleine aber gute Pfade, gesäumt von einer Vielzahl an einheimischer Arten der Fynbos Pflanzen. Und so kommt es, dass ich den schönsten Tag in Südafrika wandernd nur einen Katzensprung von meinem Haus verbracht habe.

Und das obwohl der Tag nicht wirklich nach Plan verlief. Der geplante Aufbruch um zehn Uhr morgens verschob sich dann doch – ganz wider Erwarten – um das eine oder andere Stündchen nach hinten. Tatsächlich waren die beiden Jungs um diese Uhrzeit nicht einmal aufgewacht. Eventuell könnte das an ihrem kleinen Ausflug an dem Donnerstag Abend zuvor gelegen haben, als sie nach einem Gläschen Rotwein zu viel und zwei Bierpong Partien später auf dem Rückweg aus dem Auto sprangen, um nach Hause zu laufen. Anscheinend erschienen meine Fahrkünste nach einer halben Stunde Fahrt, fünf Minuten von unserem Haus entfernt, nicht mehr ertragbar. Und so begannen Katina und ich um zehn Uhr den beiden erstmal ihr übliches Frühstück zuzubereiten: Ein Omelette bestehend aus sechs bis acht Eiern (für jeden!) ist auch tatsächlich nicht übertrieben.

Endgültig aus dem Bett locken konnten wir sie damit allerdings nicht. Zumindest nicht beide. Daan hatte nämlich Halsschmerzen und wollte lieber den Tag in seinem Bett in dem miefigen Jungszimmer – wahlweise auch Pumakäfig genannt – verbringen. Schlussendlich schafften wir es dann allerdings doch mehr oder weniger pünktlich, also mehr oder weniger zwei Stunden zu spät, loszustapfen.

Das sollte allerdings nicht unser einziges Hindernis auf dem Weg zum Gipfel bleiben. Vielleicht ist Hindernis auch nicht die richtige Wortwahl und schöne Überraschung trifft es besser. Kaum hatten wir nämlich das Fernklof Nature Reserve betreten, fiel uns eine Gruppe kleiner Kinder auf einer Rasenfläche verteilt ins Auge. Automatisch mussten wir natürlich an unsere kleinen Mäuse (oder Monster je nach Tagesform) aus der Farm School denken. Einer meinte noch wie lustig es doch wäre, wenn wir diese irgendwann mal zufällig treffen würden. Und als wir dann schließlich auf ihrer Höhe waren, kamen uns die Kleinen auf einmal erstaunlich bekannt vor. Tatsächlich hatte an diesem Tag kein anderer Kindergarten als jener, den wir jeden Montag und Mittwochs besuchten, an diesem Tag einen Ausflug in das Naturreservat gemacht. Als wir die Kinder grüßten schauten sie uns zunächst verdutzt mit ihren großen Kinderaugen entgegen bis schließlich der Groschen fiel. Ein begeisterter Aufschrei und schon waren wir umgeben von einer Horde kleiner Zwerge, die hochgehoben und umarmt werden wollten und dabei im Chor „Kalita“ riefen. Es wurden ihre besonders schönen Klamotten für diesen Ausflug präsentiert und bewundert, ein paar Handschläge ausgetauscht und schließlich mussten wir uns dann schweren Herzens von den Kiddies wieder verabschieden. Und das war tatsächlich das erste Mal, dass ich zumindest gerne länger geblieben wäre. Denn so süß sie auch sind, nach einer Stunde Klettergerüst, Entertainer und Streitschlichter ist man normalerweise auch froh in das ruhige Auto ohne weinende Kinder zu steigen.

Kurz darauf machten wir dann unsere nächste Bekanntschaft. Dieses Mal eine tierische. Am Wegesrand fanden wir eine kleine Schildkröte die ganz selbstverständlich von Karl Fernando getauft wurde. Welchen besseren Namen könnte es für eine Schildkröte auch geben? Als ich ihn dann warnte, dass er sie besser nicht anfassen solle, weil diese Schildkröten in der Regel einen festen Biss haben, nahm er sie kurzerhand am Panzer hoch, sah ihr provozierend ins Gesicht und sagte (ich zitiere): „Ha! Jetzt kannst du mich nicht mehr beißen.“ Das war nicht was ich damit gemeint habe.

Schließlich ging die gepflasterte Straße durch das Reservat in ein Netz aus Trampelpfaden über. Mit der Musikbox im Gepäck, die bereits unsere Playlist für den südafrikanischen Sommer spielte, machten wir uns zunächst auf zu einem kleinen Wasserfall. Auf dem Weg dahin veränderte sich die Vegetation binnen weniger Meter, dass man tatsächlich das Gefühl hatte man befände sich in einem Zoo oder ähnlichen und hätte eine andere Ausstellung betreten. Die Berglandschaft, die mal an die karge Vegetation aus Regionen der Alpen und mal an die typischen Blumen auf den Sylter Dünen erinnerte, wurde ganz plötzlich von einem tropischen regenwaldartigen Tal abgelöst.

Katina hat den Baby-Wasserfall entdeckt

Allerdings war der Wasserfall nach einer viertel Stunde Fußmarsch bereits erreicht. Weshalb wir beschlossen einen der kleinen Berge zu erklimmen und anschließend einem Pfad zu folgen, der sich an der Bergkette entlang schlängelte. Von dort hatte man den perfekten Blick auf Hermanus und konnte sogar unser Dach erkennen. Auch wenn wir uns zunächst ein paar mal im Haus geirrt hatten. Langsam wurde es zwar heiß aber der Aufstieg zu der kleinen Bank lohnte sich wirklich. Besonders das Picknicks wegen. Wenn man ehrlich ist, ist das doch überhaupt der wahre Grund warum man wandern geht oder? Es war zwar kein Kaiserschmarren, doch das Kichererbsen-Kartoffel-Gemisch war zumindest eine gesunde Alternative (ohne wirklich eine Alternative zu sein). Vielleicht sollten wir das nächste mal stattdessen Eier, Apfelmus und Rosinen beim OK Minimarkt kaufen.

Als wir uns gut gestärkt auf den Rückweg machten, taten wir etwas, was man am besten nicht zuhause nachmachen sollte. Zumindest nicht ohne schlechtes Gewissen, dass wir auch tatsächlich hatten. Fasziniert, wie wir von der örtlichen Blumenvielfalt waren, pflückten wir hier und da eine einzelne Blüte um Katinas Zopf zu schmücken und Karl einen Kranz zu basteln. Hätten wir wahrscheinlich nicht machen dürfen war aber leider geil! Allerdings muss ich zu unserer Verteidigung festhalten, dass wir niemals eine ganze Pflanze getötet haben, sondern immer nur eine Blume von einem Busch gepflückt haben. Und manche Blumen waren auch zu schön, um sie mitzunehmen.

Flower Power – leider keine Naturschützer

So wie die Musikbox fünf Minuten von unserer Haustür entfernt den Geist aufgab, fiel ich auch bereits um halb neun benommen ins Bett und schlief mit einem seligen Lächeln ein. Tatsächlich würde ich diesen Tag als meinen schönsten in Südafrika bezeichnen. Es war zwar kein Roadtrip, ich habe kein Geld ausgegeben, bin nicht weit gereist. Doch vielleicht gerade, weil unser kleiner Ausflug so simpel war. Gerade, weil er komplett kostenlos war, gehören diese Erinnerung an den Anblick der riesigen Wellen in der Bucht, die auf einmal eher friedlich als turbulent erschienen, wohl zu meinen wertvollsten der letzten zweieinhalb Monate.

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