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Reist du noch oder lebst du schon?

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16:30 Uhr. Ein ganz normaler Nachmittag. Das Hockeytraining ist hinter sich gebracht. Die Leibchen werden wieder in die Tasche gestopft und die vollgeladene Hockeytasche wird zusammen mit den leeren Wasserkanistern in den Kofferraum geschmissen. Man umarmt die Kinder zum Abschied, verteilt Highfives. Und dann hat man auf einmal keine Verpflichtungen mehr und einen ganzen Abend vor sich, den man irgendwie verbringen kann. Verbringen muss. Was also tun in Hermanus?

Das habe ich mich vor ein paar Wochen auch gefragt. Und schließlich gegoogelt. Doch wenn man in die Suchmaschine „Hermanus things to do“ eingibt, so erhält man folgendes: Whale watching. Wine tasting. Wanderrouten. Alles tolle Aktivitäten – zumindest wenn man als Tourist in Hermanus ist und die Stadt besichtigen kann. Alles Dinge, die wir auch schon gemacht haben. In den ersten Tagen hier. Aber schnell wurde uns bewusst, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem bereisen von Hermanus und dem Leben hier gibt. Jährlich besuchen nämlich zahlreiche Touristen das ruhige Städtchen, weshalb es auch zahlreiche Restaurants hier gibt. Doch alle diese Touristen bleiben kaum länger als einen Tag hier. Und das aus einem guten Grund. Sie werden von dem Naturschauspiel der sich paarenden Wale angelockt, machen vielleicht eine Kayaktour auf dem Meer um den Meeresriesen noch näher zu sein. Doch Hermanus selber ist eben doch nur eine verschlafene Kleinstadt.

Auf der Suche nach etwas zu tun

Dementsprechend wurden unsere Abende zunächst deutlich ruhiger. Es wurde viel gegessen, Karten gespielt und die Herr der Ringe Filme auf mehrere Abende aufgeteilt. Nach einer Woche der Gemütlichkeit begann ich mich alt zu fühlen. Wer spielt schon jeden Tag Karten, um dann um zehn Uhr ins Bett zu gehen? Selbst wenn man am nächsten Tag noch vor dem Sonnenuntergang aufstehen muss. Doch dann gab es auf einmal Hoffnung. Daan hatten den örtlichen „Hockeyverein“ (bestehend aus einer Herrenmannschaft, deren Training meist aus einer halben Stunde spielen und dann einen gemeinsamen Bierchen besteht) kontaktiert und konnte dem Team dort beitreten. Zumindest wenn ich ihn zum Platz fahren würde. Da mein Terminkalender tatsächlich um diese Uhrzeit ein Zeitfenster hatte, erklärte ich mich natürlich dazu bereit. Und so machten wir uns auf zum ersten Training. Ich hinter dem Steuer, Daan auf dem Beifahrersitz mit dem Handy in der Hand. Google Maps sollte uns den Weg weisen. Eine genaue Adresse hatten wir allerdings nicht, doch der Platz sollte in der Nähe des Country Markets sein. Und tatsächlich in derselben Straße des Marktes befand sich eine Schule mit großen Rasenflächen und einem Rugbyfeld. Da müsste es doch bestimmt auch ein Hockeyfeld geben, dachten wir uns und fuhren wie selbstverständlich durch das Tor, was sich automatisch für uns öffnete. Die Hockeytasche geschnappt und erstmal in das Gebäude, um nachzufragen. Die einzigen Personen, die wir in der verlassenen Schule allerdings antrafen waren ein paar übrig gebliebene Grundschüler und schließlich eine Lehrerin, die uns auf unsere Frage nach einem Hockeyplatz nur verwirrt ansah, dann in eine Klasse hineinrief, woraufhin eine Nicht weniger verwunderte Kollegin im Türrahmen erschien. Vom Hermanus Hockey Club hatte hier noch keiner gehört. Schnell eilten wir also zurück zum Auto, da uns das Ganze doch ein wenig unangenehm war. Schließlich waren wir gerade in die erste Grundschule spaziert, in der wir nichtmal als Coach arbeiteten. So beschlossen wir erstmal auf den Parkplatz des Marktes selber zu fahren und dort mit unserem Kontakt zu telefonieren. Dort angekommen fiel und ein kleiner Hügel mit einem Zaun dahinter ins Auge. Und tatsächlich. Nur 200 Meter von der Schule entfernt, die noch nie etwas von dem Klub gehört hatten, befand sich der Hockeyplatz.

Man könnte sich jetzt vielleicht fragen, woran das liegt , dass es einen Verein mit Platz gibt, von dem noch nie jemand gehört hat. Nun dazu muss vielleicht einmal der Begriff Hockeyverein geklärt werden. In Hermanus bedeutet das nämlich, dass es genau eine Mannschaft, bestehend aus Jungs, die noch zur High School gehen, ein paar jungen Vätern und einem Trainer, der seinerseits mit seinem Sohn in den Zwanzigern spielt, gibt. Diese bunt gemischte Truppe trifft sich zwei mal die Woche, um eineinhalb Stunden zu trainieren. Wobei das Training eigentlich nie länger als eine Stunde geht, denn auch wenn wir eine gute viertel Stunde zu spät erschienen aufgrund unseres kleinen Abenteuers, gehörten wir noch zu den ersten. Doch im Endeffekt war all das eigentlich nebensächlich. Denn zweimal die Woche kann Daan nun Hockey spielen. Zweimal die Woche kann ich die andere Hälfte des Platzes für ein kleines Workout nutzen. Zweimal die Woche langweilen wir uns nicht zuhause. Außerdem inklusive: Ein wöchentliches Hockeyspiel. Nun da ich immer noch der einzige Fahrer in unserem Haushalt war (seit drei Tagen nicht mehr), ergab sich relativ schnell, dass ich meinen Platz im Fanblock der Mannschaft beziehungsweise auf der Auswechselbank im kleinen Häuschen am Feld ergatterte. Während der ersten Spiele beschränkte ich mich allerdings noch darauf ein Buch während des Aufwärmens zu lesen und Daan abzuklatschen, wenn er ausgewechselt wurde. Ich kannte schließlich keine Namen, die dummerweise auch nicht auf den Trikots neben den kreativen Rückennummern, die meist dreistellig sind oder wahlweise auch ein Pi sein können, standen. Doch nach und nach lernte ich vereinzelte Namen, begann mir mit einigen der Stammauswechselspieler zu überlegen, welche Strafe angemessen wäre, sollte er tatsächlich keinen Hattrick schießen und fuhr schlussendlich mit ihnen zum Auswärtsspiel nach Kapstadt mit. Spätestens seitdem kann ich nicht nur behaupten, dass ich mit drei verschwitzen Typen, ihren Hockeytaschen und der Torwarttasche zwei Stunden auf der Ladefläche eines Pickups gefahren bin, sondern ich weiß nun auch wie die Freundin des einen heißt, wo die beiden Brüder wohnen, da wir dort eingeladen waren, und dass sich nach einem Spiel zum Braai und Bier getroffen wird. Mittlerweile war nun leider auch schon das letzte Heimspiel der Saison, was allerdings den angemessenen Support der Fankurve erhalten hat. Das gesamte Volunteer House aus Gansbaai ist nämlich nach unserer kleinen Wanderung zu den Drei Dämmen in den Bergen um Hermanus geblieben und es wurde fleißig angefeuert. Hauptsächlich Daan natürlich. Auch wenn er gerade ausgewechselt wurde.

Was wir sonst noch so machen, an den Tagen, wo leider kein Hockeytraining oder Spiel unseren einfachen Alltag versüßt? Manchmal gehen wir bei 13 Grad Celsius Außentemperatur schwimmen. Manchmal vergesse ich absichtlich etwas einzukaufen, um anschließend einen kleinen Spaziergang zum Minimarkt zu machen. Und manchmal fahren wir zur Mall (ja so etwas gibt es hier) und spielen mal wieder „Wenn ich du wäre“. So musste ich bereits einen gesamten Einkauf im Rückwärtsgang erledigen. Karl hat den gesamten Supermarkt genervt, genervt in dem er mit quietschenden Schuhe durch die Gänge gestapft ist. Und Daan versuchte zwischenzeitlich sich als Schaufensterpuppe auszugeben.

Suchbild: Wo ist der Daan?

Kurzum, wir langweilen uns ab und zu immer noch. Doch mittlerweile wissen wir zumindest, dass man am besten Craigh, der in der Grundschule in Hawston arbeitet beziehungsweise eigentlich nicht arbeitet, weil er sich den ganzen Tag nur mit uns unterhält, fragt, wo man Biltong kaufen sollte oder asiatisch essen gehen kann. Wir wissen auch, wo wir quasi jeden Freitag Abend eingeladen sind – zumindest wenn man seinen Freitag mit Videospielen verbringen möchte. Und manche laden wir mittlerweile sogar zu unseren Partys in Gansbaai ein, wenn ein neuer Volunteer willkommen geheißen wird oder ein anderer ein letztes Mal vor seinem Abflug gefeiert wird. Auch wenn wir uns also noch nicht wirklich in Hermanus auskennen, so kennen wir mittlerweile wenigstens ein paar Menschen, die das tun. Und so kommt es auch, dass ich mich auch heute Abend nicht langweilen werde, obwohl weder Montag noch Dienstag also Hockeytraining ist. Seit kurzem habe ich nämlich den Kontakt von einer Tanzschule im Industriegebiet, wo ich heute zum ersten Mal in meinem Leben Hip Hop tanzen werde. Zwar weiß ich weder, was mich da erwartet, noch kenne ich dort wirklich jemanden, aber das war ja vor einem Monat nicht anders, als ich hier ankam. Doch bei einem bin ich mir sicher, zumindest für die anderen Teilnehmer werde ich heute eine belustigender Anblick sein und wahrscheinlich werde ich schlussendlich Spaß daran haben. Hoffentlich.

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