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Wenn ich du wäre …

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Samstag Morgen. Punkt 9 Uhr. Um diese Uhrzeit sollte es losgehen. Wir wollten unseren Roadtrip pünktlich beginnen. Wobei hier vielleicht anzumerken ist, dass es sich hierbei keinesfalls um deutsche Pünklichkeit handelt. Denn in Südafrika (und das musste ich auch erstmal lernen) wäre das folgende Sprichwort wohl passender: Eine halbe Stunde nach der Zeit ist des Südafrikaners Pünktlichkeit. Tatsächlich könnte man allerdings selbst nach dieser Definition nicht mehr behaupten, dass wir rechtzeitig nach Hermanus aufbrachen. Des Volunteers Pünktlichkeit war zumindest an jenem morgen großzügige eineinhalb Stunden später. Vielleicht war das Braai, zu welchem wir am Freitag Abend eingeladen hatten, doch nicht so förderlich für unseren Zeitplan. Dennoch saßen wir schließlich vollzählig und mehr oder weniger frisch in den beiden Autos verteilt, um unseren Roadtrip nach Stellenbosch anzutreten. Ein kleines Städtchen in der Nähe von Kapstadt, dass für seine Universität und seinen Wein bekannt ist.

Vorerst allerdings machten wir uns auf den Weg zu meinen neuen Zuhause. Und das nicht nur, damit Karl, Daan und ich unsere Koffer abstellen konnten, sondern auch um zwei Mietwagen zu besorgen. Mit den Autos der Foundation ist es nämlich nicht erlaubt sich mehr als 50 Kilometer von Gansbaai bzw. Hermanus zu entfernen. Und so war unsere erste Anlaufstelle die örtliche Autovermietung Hertz. Voller Vorfreude und Zuversicht betraten wir den Laden und bestellten selbstbewusst zwei Renault Quits (unsere Lieblingsautos, da preiswert und merkwürdige Geräusche beim Anfahren mit inbegriffen). Doch die nette Dame am Schalter betrachtete uns zunächst bloß mit einem irritierten Blick, bis sie uns mitteilte, dass sie bereits alle Wagen verkauft habe. Es wurden panische Blicke ausgetauscht. Anscheinend hatten wir das unmögliche geschafft, wir waren nicht nur später dran als die Südafrikaner an diesem Morgen, sondern auch noch spontaner! Scheinbar zu spontan. Irgendwie begann die Hertz-Dame dann doch über weitere Optionen zu reden und als wir ihr dann mitteilten, dass wir die Autos bloß für einen Tag benötigten, arrangierte sie nicht nur zwei Autos, sondern berechnete uns zusätzlich nur die Gebühren für einen Tag, obwohl wir die 24 Stunden überschreiten würden. Einzige Bedingung war, dass wir wenn wir einen Unfall bauten, dieses innerhalb des offiziellen Zeitraums taten wegen der Versicherung. Da wir nicht vorhatten überhaupt einen Unfall zu bauen verabschiedeten wir uns und machten uns zügig auf den Weg, um die anderen einzusammeln und endlich losfahren zu können.

Losfahren. Das taten wir dann auch tatsächlich. Wenn auch nicht nach Stellenbosch. Irgendwie hatte es nämlich ein Volunteer geschafft sein Handy in Gansbaai liegen zu lassen, weshalb der eine Renault Quit zunächst die Strecke befuhr, die wir bereits zurückgelegt hatten. Und auch das andere Auto schaffte es nur über Umwege nach Stellenbosch. Shitangshu – das ist unser Praktikant für alle jene die als Reaktion auf diesen Namen auch „Gesundheit!“ wünschen wollten – hatte nämlich geplant seinen Bruder in Kapstadt abzuholen, weshalb wir ihn dort absetzen mussten.

Doch schlussendlich trudelten wir dann um kurz nach drei – trotz kurzzeitiger Verwirrungen aufgrund eines Navis mit Rechts-Links-Schwäche – in Stellenbosch ein. Nachdem wir unser Zimmer in dem städtischen Hostel bezogen hatten beziehungsweise unsere Rucksäcke und Taschen auf das Bett gepfeffert hatten, sollte es auch sofort losgehen. Das Wine Tasting war das erste was uns lockte, da diese bereits früh schlossen. Kurzerhand wurden also zwei Ubers gerufen, woraufhin nach wenigen Augenblicken auch schon ein Auto vor unserer Nase hielt. Schnell trieben wir die ersten vier an sofort einzusteigen und noch schnell zu überprüfen, ob sie passend Bargeld dabei hatten. Der Fahrer wurde begrüßt er erwiderte unseren Gruß lächelnd und sah uns dann fragend an. Es stellte sich heraus: Das Auto gehörte gar keinem Uber-Fahrer, sondern er wollte nur am Straßenrand halten. Versuchen kann man es ja zumindest.

Nachdem kurze Zeit später dann das richtige Uber eintraf und eine kurze Karaoke-Party mit unserem Fahrer später, erreichten wir eine halbe Stunde vor Ladenschluss das Weingut. Ein Weingut, dass meine Erwartungen keineswegs erfüllte. Von wegen charmantes Bauernhaus zwischen Weinfeldern. Tatsächlich ähnelte eher einem Designer-Hotel mit seiner hohen Glasfassade und der kleinen Passage, in der man Luxusartikel kaufen konnte. Davor war eine weiträumige Terasse gelegen, von welcher man das wunderschöne Bergpanorama, welches das Gut umsäumte, bewundern konnte. Einfach unglaublich!

Man stelle sich also besagtes Weingut gelegen in einer Landschaft, von dessen Schönheit ich nur diesen kleinen Teil mit der Kamera einfangen konnte. Und nun überlege man sich, welche Art von Menschen ein solches Weingut besuchen. Richtig. Normalerweise keine Volunteers in Leggings oder bestenfalls in Jeans. Dennoch saßen wir dort neben einem Mann mit Hemd und Pullunder, der scheinbar seine Freundin versuchte mit seinen Weinkentnissen zu beeindrucken, und grübelten welchen Wein wir denn nun probieren sollten. Schlussendlich entschieden wir uns für die ersten fünf Weine auf der Karte. Und während wir da so warteten kam einer auf die wahnsinnige Idee „Wenn ich du wäre …“ zu spielen. Ein Spiel, das sehr zu unserer Belustigung beitrug. Allerdings auch nur zu unserer. Die Kellner schienen Daans interessiertes Nachfragen eines echten Weinkenners, ob es sich bei den hellen Wein denn eigentlich um Weißwein handele, nicht so lustig zu finden. Dennoch begleitete dieses Spiel uns noch durch den restlichen Abend. In dem Restaurant, in welchem es sogar glutenfreie Pizza für mich gab, wurde so manch einer zu einem begeisterten Golffan, der jedes Mal begeistert jubelte, wenn ein Golfer wieder seine Ball versenkte. Ein andern mal sorgte meine offensichtliche Rechts-Links-Schwäche für verwunderte Blicke, als ich nach dem Weg zur Toilette fragen sollte und jedes Mal falsch abgebogen bin.

Wenn ich also du wäre, würde ich auf jeden Fall einen Abstecher nach Stellenbosch machen. Die Restaurants und Cafés sind wirklich sehr süß und es ist sogar möglich sein eigenes Brot zu frühstücken, wenn es eben nichts wirklich geeignetes für komplizierte Esser gibt. Wenn ich du wäre würde ich allerdings früher in Stellenbosch ankommen, da die Weingüter eben bereits um fünf Ihr schließen und auch ein eigenes Winetasting um diese Uhrzeit nicht mehr möglich ist, da man alkoholische Getränke nur tagsüber kaufen kann. Und wenn ich du wäre, dann hätte ich dieses Wochenende gerne an meiner Stelle erlebt. Die musikalisch interessanten Autofahrten. Das ständige Geplapper außer während des Essens. Ja selbst das ewige Warten auf die nächste Person, die ganz dringend auf Klo musste, eine neue Karte für ihr Handy kaufen wollte oder einfach nur viel zu fasziniert von dem hiesigen Angebot im Supermarkt war, selbst dieses Warten erscheint im Nachhinein gar nicht mal so nervig. Ob wir alles gesehen haben, was wir an diesem Wochenende entdecken wollten? Nein. Ob wir Stellenbosch verlassen mussten bevor wir unseren Stadtrundgang beenden konnten, weil wir verschlafen hatten? Ja. Ob ich den Sonnenuntergang auf dem Signal Hill verpasst habe, weil Shitangshu Bruder auf einmal doch ein komplett neues Handy kaufen musste? Ja. Und dennoch bereue ich nichts an diesem Wochenende. Die Untergehende Sonne über dem atlantischen Ozean mit einem Panorama von Kapstadts Dächern habe ich zwar verpasst, doch dafür konnte ich miterleben, wie die Stadt ganz plötzlich zu neuem Leben erwacht. Und ein Licht nach dem anderen den Himmel wieder erhellt. Und genau in diesem Moment war alles friedlich. Das Warten war irrelevant. Dass wir wahrscheinlich nochmal nach Stellenbosch fahren würden, um tatsächlich alles zu sehen ebenso. Bis schließlich folgender Ausruf den Frieden durchbrach: „Wenn ich du wäre, Daan, würde ich meinen Pulli ausziehen und ein Oben-Ohne-Bild machen!“ Es waren gefühlte 5 Grad Celsius.

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