Beitragsformat

Karla, der Drahtesel und Ich

Kommentar verfassen

Ich habe eine Frage: Wieso assoziiere ich mit Fahrradtouren durch Schleswig-Holstein Rentner die Urlaub machen? Natürlich, es gibt etliche von ihnen, die mit ihren Elektro-Bikes die Fahrradwege und Straßen unsicher machen, stets fünf Karten in ihrer Bauchtasche haben und eben mit Vorliebe die Bevölkerung, die sich auf ihren normalen Fahrrädern den Berg hochquält, ohne Strampeln überholen. Und trotzdem hatten Karla und ich eben die Idee eine Fahrradtour von Eutin nach Sylt zu machen. Wenn uns jemand fragen würde, wie wir denn auf diese Idee gekommen sind, dann wüsste ich keine Antwort. Sie war eben einfach da.

Zwei Tage bevor wir aufbrechen wollten, dachte ich dann erstmals an das Gepäck. Mir viel auf, dass ich eigentlich Fahrradtaschen benötigen würde, die ich natürlich nicht besaß. Zum Glück haben meine Eltern outdoor-verrückte Freunde und so konnte ich einfach meine Marmelade kochen, die ich als Gastgeschenke und eben als Dankeschön für diese Taschen vorgesehen hatte. Nun warf ich nur noch ein paar Sportklamotten, eine Jeans und natürlich kurze T-Shirts und Regenklamotten in die Taschen und dachte ich wäre gut gewappnet. Schnell sollte ich feststellen wie sehr ich mich geirrt hatte, denn in absoluter Sommerstimmung von Mallorca wiederkommend hatte ich natürlich diese Rechnung ohne das norddeutsche Wetter gemacht. Anscheinend wollte man uns dieses Jahr zum ersten Mal ermöglichen nicht nur zwei Wochen Herbstferien, sondern gleich sechs Wochen zu haben.

Jedenfalls zogen kaum, dass Karla und ich unsere Fahrräder beluden dunkle Wolken auf. Prompt versuchten ihre Eltern uns zu überreden vielleicht nicht doch lieber bei ihnen in Eutin zu bleiben. Doch wir ließen uns nicht bequatschen und zogen unsere Regenhose sowie die Jacke an. Irgendwie hatte ich mal wieder nicht auf die Farben geachtet und so sah ich mit meinem himmelblauen Fahrrad, den weißen Schuhen, einer knallblauen Regenhose und meiner neonpinken Regenjacke irgendwie ziemlich „porno“ aus. Kann ja mal passieren. Und mal ehrlich, während wir durch die Örtchen wie Zankenau, Vinzier und Böbs fuhren, war uns das wirklich mehr als egal. Jedenfalls regneten wir nach unserer ersten Stunde auf dem Sattel zum ersten Mal ein. Zeus hatte uns eben lieb. Trotzdem kamen wir irgendwie in Neustadt an, um von dort den ersten Abschnitt des Ostseeküsten-Radwegs bis nach Dahme zu fahren. Dort konnten wir in einem Büro von Karlas Vater schlafen, in dem wir es uns auf der Stelle bequem machten, die Küche auseinander nahmen und versuchten Nudeln mit Pesto zu machen.

Das besondere an unserer Tour war nämlich nicht nur das Ziel, wo wir am Ende noch ein bisschen das süße Leben genießen wollten, sondern vor allem unsere Unterkünfte auf der Strecke. Tatsächlich hatten wir nämlich nur für eine bezahlt. Nämlich eine Heuherberge in der Nähe von Waabs, was eigentlich echt eine interessante Abwechslung war, wenn man mal außer Betracht zieht, dass ich während dieser Nacht leider feststellen musste, dass ich irgendwie mit meinem Heuschnupfen von unserem Bett rote Augen und eine juckende Nase bekam. Ansonsten schliefen wir nämlich ausschließlich bei Freunden. Die zweite Nacht bei Pia, die ebenfalls ein KUSi war, dann bei Vroni, unserer Bordärztin, und in der letzten Nacht in Glücksburg, bei Freunden von meinen Eltern. So hatten wir die Möglichkeit nicht nur den traumhaften Blick auf die Ostsee während des Fahrens zu genießen, sondern auch unsere Freunde wieder zu sehen.

Aber zurück zum Fahrrad fahren. Nachdem wir uns an das zusätzliche Gewicht unserer Satteltaschen gewöhnt hatten, konnte uns nichts mehr aufhalten! Fast nichts. Ab und zu kam meine liebe Karla nämlich auf die Idee, den wirklich wunderschönen Ostsee-Küsten-Radweg zu verlassen, weil sie der Meinung war, dass es Wege noch näher am Wasser gäbe. Nur leider stellte sich bei manchen heraus, dass diese gepunkteten Wege auf der Karte wirklich keine Fahrradwege, sondern Fußwege waren. Und so schoben wir unsere Drahtesel teilweise auch durch Sand, landeten am Strand, auf Felden, mussten durch Bäche hindurch und schlammige Abhänge hinauf, oder wuchteten unser Fahrrad eben über den einen oder anderen Felsbrocken.

Und dann ganz nebenbei vergaßen wir, dass wir mit dem Auto nur ein paar Stunden mit dem Auto von Zuhause entfernt waren und kamen uns vor wie echte Abenteurer. Durch unser Fahrrad hatten wir auf einmal eine Freiheit, die uns noch größer erschien als tausende Kilometer entfernt in der Karibik, denn hier in den norddeutschen Wäldern und auf den Deichen gab es niemanden, der uns irgendetwas vorschrieb. Eingestanden, wir waren ziemlich abhängig vom Wetter. Besonders am letzten Tag hatten wir von Zeus und seinem blöden Westwind wirklich die Schnauze voll, denn wenn man den Grenzweg von Flensburg nach Niebüll fährt, kann das ziemlich anstrengen werden. So kam es dann auch, dass wir sämtliche Lieder in Hasslieder und Hymnen auf Zeus umdichteten. Als wir uns dann am letzten Tag auch noch verfuhren (zum ersten Mal auf der gesamten Strecke), war die Stimmung kurz vor Ende so ziemlich im Keller. Allerdings nur bis wir den Zug erreichten und ein weiterer Topf Ben&Jerrys-Eis in Aussicht war! (Das ist auch ohne Palm-Öl.)

Leave a Reply

Required fields are marked *.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s