Beitragsformat

Zuhause ist, wo dein Herz wohnt

Kommentar verfassen

Man könnte meinen, dass ich nach einem halben Jahr, in dem dich jeder Tag aufs Neue überraschen konnte, mich daran gewöhnt habe das Alte hinter mir zu lassen, um kopfüber in das Neue einzutauchen. In jedem Land, das ich bereist habe, musste ich mich mit einer neuen Währung, anderen Sprachen, fremden Sitten, Straßen und Regeln herumschlagen. Aber eins ist immer gleich geblieben: Die Gruppe Menschen, mit denen ich dieses Abenteuer erlebte. Und nun sind sie weg. Und ich hatte Angst. Ihr glaubt gar nicht, was für eine Überwindung es mich gekostet hat wieder meine Hockeyfreundinnen beim Training zu sehen und in der Schule nicht schreiend wegzulaufen, wenn wieder jemand fragte: „Und, wie war’s?“ Es ist vielleicht ein bisschen paradox, aber je mehr sich die Menschen freuten mich zu sehen, losquiekten, in die Luft sprangen und mich so fest drückten, dass ich keine Luft mehr bekam, desto verängstigter wurde ich. Ständig hatte ich das Gefühl, dass man zu hohe Ansprüche an mich hätte. Für mich schien es nur eine Lösung zu geben: Möglichst schnell mit den anderen KUSis verabreden!

Diesen Freitag war es dann endlich so weit. Marie würde mich aus der chronischen Einsamkeit erlösen. Endlich wäre wieder jemand um mich herum, der mich nicht anschaut wie ein Auto, wenn ich ihnen Dinge, die auf der Thor üblich sind, versuche zu erklären. Endlich wäre jemand bei mir, der mit mir „Ich bin eine Blume ruft!“. Und endlich könnte ich mit jemandem, der dasselbe durchmacht wie ich, über all die Dinge reden, die mich bewegen. Voller Freude lief ich mit Coco und Hanna im Schlepptau zum Bahnhof um meine Freundin abzuholen. Bei all der Aufregung vergaß ich dann prompt mich abzuschminken und so stürmten Tiger und Blume den Aumühler Bahnhof. Raaawww! (Zur Erklärung: Hanna und ich kamen direkt von einem Kindergeburtstag, bei welchem wir das Bespaßungsprogramm dargestellt hatten.) Doch in dem Moment, als ich endlich die verwuschelten blonden Haare erblickte, war mir alles egal. Na und? Dann starrten mich eben alle im Bahnhof komisch an.

Wie häufig hatten wir auf der Thor unsere Abende in den Kojen liegend und von Zuhause erzählend verbracht. Nach den ersten Etappen hatte ich sogar teilweise das Gefühl Karlas Zuhause besser zu kennen als mein eigenes. Ihre Fotos kannte ich bereits nach einer Woche besser als meine und es dauerte nicht lange, da sehnte ich mich nach Eutin, obwohl ich zuvor noch nie etwas von diesem Städtchen gehört hatte. Im übrigen kann man dort toll Stand-up Paddeln, es befindet sich in der Holsteinischen Schweiz, der Wochenmarkt ist ganz toll und man nennt es auch die Rosenstadt Eutin, weshalb dieses Jahr auch eine riesige Gartenausstellung in die Gegend kommt. Besonders aber hatten wir davon geträumt uns gegenseitig unsere Welt zu zeigen. Und so führte ich Marie noch am selben Abend durch meinen Hockeyklub und zeigte ihr, wo ich meine Kindheit verbracht hatte. Sie lernte meinen Zimmer und unseren Garten kennen und wir widmeten das gesamte Wochenende dem Motto Sachen zu tun, die früher einmal normal für uns waren. Abends sahen wir uns Gossip Girl an, wir legten einen Beauty-Nachmittag oder auch „Großreinmensch“ ein und versuchten wieder auf High Heels zu laufen. Ziemlich öde Dinge. Doch für uns hätte es nicht exotischer sein können. Schließlich hatten wir Dinge in diese Richtung noch nie gemeinsam erlebt. Ich bin mit ihr Berge bestiegen, habe Nächte durchgefeiert und war mit meiner Freundin trampen, aber noch nie habe ich mit ihr zu schlechter Musik auf High Heels getanzt.

Bis zu diesem Wochenende fühlte ich mich noch nicht wieder angekommen in meinem Zuhause. Alles fühlte sich so fremd an. Ich hasste das Gefühl von Wimperntusche auf den Augen und wusste nicht recht, wie ich mich gegenüber meinen Mitschülern benehmen soll. Heute war das nicht mehr so. Zusammen mit meiner Freundin aus einer anderen Welt habe ich mich hier wieder eingelebt, auch wenn ich es immer noch komisch finde sich glitzernde Masken ins Gesicht zu schmieren, die aus Kaviar, Gold, Perlen und Champagner bestehen sollen. Aber eins lasse ich mir nicht nehmen: Am Samstag müssen die Fische im Gartenteich leiden. Schließlich ist da Besanschotan und das bedeutet, dass Neptun gefälligst Rum ausgegeben wird.

Leave a Reply

Required fields are marked *.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s