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Ahoi Hamburg

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Um kurz vor zehn war es so weit. Ein letztes Mal kämpfte ich mit meinem Gurt. (Ich kann das Ding nach sechseinhalb Monaten immer noch nicht anziehen.) Ein letztes Mal würde ich ins Rigg klettern. Wir. Die KUSis 15/16. Zusammen würden wir ein letztes Mal aufentern. Auf die Rahen unser geliebten Thor klettern, um die letzten zwei Seemeilen in die Schwentine zu fahren. 12195 Seemeilen würden dann hinter uns liegen, wenn wir sicher die Pier erreicht hätten. Dort, wo unsere Eltern uns nach 190 Tagen erwarteten.

Doch während ich dort oben stand, Hand in Hand mit Marie, konnte ich an nichts anderes denken, als an das, was hinter mir lag und die Menschen, mit denen ich dieses großartige Abenteuer erleben durfte. Die Menschen, die vor mir auf dem Klüverbaum turnen, unter mir auf der Breitfock hängen, sich über mir an die Brehm klammern und oben auf der Mastspitze stehen, sind nicht meine Freunde. Sie sind zu meiner neuen Familie geworden und der Gedanke, sie verlassen zu müssen, ist genauso lähmend, wie das Gefühl, dass ich vor 190 Tagen hatte. Wenn ich eins gelernt habe, dann dass man nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge reisen kann. Während ich die Schönheit des Regenwaldes voll in mich aufgesogen habe, wusste ich, dass diese Schönheit ein paar Kilometer weiter zerstört wird. Und als wir die indigene Bevölkerung Panamas besuchten und uns in ihre Kultur verliebten, da war mir klar, dass diese Kultur nur noch für die Touristen existierte, während sie selbst ein Smartphone besaßen. Und so war es auch jetzt. Vor mir lag das, worauf ich monatelang hingefiedert habe, meine Lieben wieder in die Arme zu schließen. Und dennoch würde ich mich heute verabschieden müssen. Von einem Leben, in dem an jedem Tag das Ungewisse auf dich wartete. Von einem Traum, der wahr geworden ist. Von einer Welt, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Als wir um die Ecke bogen, ertönte von der Pier tosender Applaus. Es wurde syrische Marschmusik gespielt. Bunte Plakaten hielten sie in die Luft. Wir begannen zu winken. Händchen zu halten. Zu winken. Wie oft hatte ich mir ausgemalt, was für ein Gefühl es sein würde, auf den Rahen stehend wieder zu kommen? Genau dieses Gefühl des Sieges und des Zusammenhalts überkam mich, als Jonas begann ein „Oh alele!“ anzustimmen. „Oh alele!“ wir sind wieder da. „Oh alele!“ wir haben den Stürmen getrotzt. „Oh alele!“ keiner hat sich in Kuba vergiftet. „Oh alele!“ Wir haben es geschafft. Mit dieser Tradition würde unsere Zeit der Isolation enden. Wir wären dann nie wieder nur unter uns. Zwar war dies noch nicht der Abschied, aber der letzte Moment, in dem wir die KUSis alleine gegen den Rest der Welt zusammen hielten.

 

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