Beitragsformat

Falmouth – hier schließt sich der Kreis

Kommentar verfassen

Als ich auf das Achterdeck trat, fiel mir auf, wie sich die Farben verändert hatten. Das tiefe blau des Atlantiks, dessen Farbe so intensiv war, das ich es nicht in Worte fassen könnte, war verschwunden. Stattdessen begrüßte uns ein grünliches Gewässer im englischen Kanal. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich mir die Augen reiben musste, weil mich die tiefblaue See damals überwältigte. Nun schlägt mein Herz höher wegen dieser ungewohnten Farbe. Wie sich der Normalzustand für mich verändert hat!

Die Wasserfarbe war das erste Anzeichen, für die Wiederkehr in bereits bekannte Gewässer. Während der letzten Monate bin ich nie an einem Ort geblieben. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues. Wir befanden uns immer in Bewegung und nun würde sich der Kreis schließen. Die Thor würde wieder in Falmouth anlegen. Und deshalb war die kleine Stadt in England auch der auserwählte Ort für das Solo. Für vierundzwanzig Stunden würde es für uns heißen – Stille. Abgeschieden im Wald verbrachten wir einen Tag nur mit uns. Keine lachenden KUSis um einen herum. Keine Segelkommandos. Kein Weckdienst. Nur wir. Alleine.

Wir fuhren mit den Dinghis an ein abgelegenes Waldstück nur mit dem Nötigsten bewaffnet. Zu Essen gab es zwei Müsliriegel, einen Apfel und eine Banane. Das war es für den Tag. Man durfte kein Taschenmesser mitnehmen. Kein Buch. Nicht mal das Reisetagebuch. Nur warme Klamotten, eine Taschenlampe, leere Zettel und Stift und den Schlafsack. So wurden wir an unserer Stelle ausgesetzt, um über das Abenteuer, was hinter uns lag nachzudenken. Und so saß ich auf meiner Erle am Waldrand und sah hinunter auf den Fluss. Um mich herum hörte ich nur Vogelgezwitscher. Zu Anfang der Reise sollten wir einen Brief an uns selbst schreiben und auch nun hatten wir Schreibzeug dabei, um unsere Gedanken festzuhalten. Durch meinen Kopf schwirrte so einiges. Was habe ich erlebt? Habe ich genug gelebt? Meine Ziele für die Reise erreicht? Wie habe ich mich geändert?

All das war ganz schön viel aber auch ganz schön schön. Trotzdem, irgendwann brauchte ich eine Pause, und da kam mir die Wiese am Hang ganz gelegen, die sich vor mir ausbreitete. Wann hätte ich wohl wieder die Gelegenheit einfach mal unbeobachtet Purzelbäume zu schlagen? Das habe ich dann gemacht.

Vorher hätte ich nie gedacht, wie gut vierundzwanzig Stunden des Nichtstun eigentlich tun können. Eine unbeschreibliche Freiheit beflügelt einen und im Bauch breitet sich nach einiger Zeit eine eigenartige Zufriedenheit aus, wenn man bemerkt, wie wenig man benötigt um glücklich zu sein. Auf einmal bemerkt man Dinge, für die man vorher nie Zeit hatte. So konnte ich zum ersten Mal ganz bewusst die Bewegung von Ebbe und Flut bewundern. Dieser Tag für mich war definitiv eine der intensivsten Erfahrungen auf der Reise!

Leave a Reply

Required fields are marked *.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s